Krankheitsbild Behandlungsfeld

Was ist eine somatoforme Störung?

Wenn der Körper Signale sendet, die sich medizinisch nicht vollständig erklären lassen und dennoch real sind und das Leben belasten. Hier erfahren Sie, was hinter einer somatoformen Störung steckt, wie die Diagnostik erfolgt und welche Wege zur Besserung führen.

Gruppentherapie in der PRIVATKLINIK REGENA Bad Brückenau
Definition

Eine somatoforme Störung ist eine psychische Erkrankung, bei der anhaltende körperliche Beschwerden auftreten, die sich trotz gründlicher medizinischer Abklärung nicht oder nicht ausreichend durch einen organischen Befund erklären lassen. Die Beschwerden sind dabei keineswegs eingebildet, sondern entstehen real im Körper und verursachen echten Leidensdruck. Das Erleben und die Verarbeitung körperlicher Signale sind bei dieser Erkrankung verändert.

Viele Menschen kennen das: Man leidet unter anhaltenden Schmerzen, Erschöpfung oder Beschwerden im Magen-Darm-Bereich, doch alle medizinischen Untersuchungen bleiben ohne Befund. Das kann zutiefst verunsichernd sein, und es kostet enorme Kraft, immer wieder von vorn erklärt zu bekommen, dass „alles in Ordnung" sei. Somatoforme Störungen gehören zu den häufigen Erkrankungen, die in allgemeinmedizinischen und fachärztlichen Praxen behandelt werden. Sie haben nichts mit Einbildung oder mangelnder Willenskraft zu tun, sondern mit einem komplexen Zusammenspiel zwischen Psyche, Nervensystem und Körper.

Auf einen Blick

Klassifikation
ICD-10: F45 (Somatoforme Störungen)
Kernsymptome
Anhaltende körperliche Beschwerden ohne ausreichenden organischen Befund
Häufige Formen
Somatisierungsstörung · Schmerzstörung · undifferenzierte somatoforme Störung
Fachgebiet
Psychosomatische Medizin, Psychiatrie, Psychotherapie
Behandelbarkeit
Gut; psychosomatischer Gesamtansatz besonders wirksam
Verwandter Begriff (ICD-11)
„Körperbezogene Belastungsstörung" (Bodily Distress Disorder)
Das Wichtigste in Kürze

Eine somatoforme Störung ist eine psychische Erkrankung, bei der anhaltende körperliche Beschwerden auftreten (Schmerzen, Erschöpfung, Magen-Darm-Probleme, Herzrasen oder Schwindel), die sich trotz gründlicher medizinischer Abklärung nicht ausreichend durch einen organischen Befund erklären lassen. Entscheidend: Die Beschwerden sind real, nicht eingebildet. Sie entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel aus psychischem Stress, veränderter Körperwahrnehmung, Lerngeschichte und biologischen Faktoren wie einem erhöhten Cortisolspiegel. Typisch ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf aus bedrohlich bewerteten Körpersignalen, Angst und Schonverhalten. Klassifiziert wird die Erkrankung nach ICD-10 unter F45; im ICD-11 wurde der Begriff zur „körperbezogenen Belastungsstörung" weiterentwickelt. Die Diagnose erfordert zunächst den Ausschluss organischer Ursachen und wird dann positiv durch ein charakteristisches Beschwerdebild gestellt. Mit einem integrativen psychosomatischen Ansatz, insbesondere kognitiver Verhaltenstherapie (KVT), körperbezogenen Therapien und Psychoedukation, ist eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität gut erreichbar.

Welche Beschwerden treten auf?

Das Beschwerdebild einer somatoformen Störung ist vielfältig und individuell verschieden. Typisch sind körperliche Symptome, die sich in verschiedenen Organsystemen zeigen können:

  • Schmerzen in Rücken, Gelenken, Kopf oder im gesamten Körper
  • Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Völlegefühl, Durchfall, Verstopfung
  • Herzrasen, Herzstolpern oder Druckgefühl in der Brust
  • Erschöpfung und Schwäche trotz ausreichend Schlaf
  • Schwindel, Ohnmachtsgefühle oder Taubheitsgefühle
  • Atembeschwerden wie das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen

Entscheidend für die Diagnose ist nicht nur das Fehlen eines organischen Befundes, sondern dass die Beschwerden anhaltend sind und das alltägliche Leben, die Arbeitsfähigkeit oder das soziale Leben deutlich beeinträchtigen.

Wie entstehen somatoforme Störungen?

Somatoforme Störungen entstehen nicht durch einen einzelnen Auslöser, sondern durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren:

  • Psychische Belastungen wie anhaltender Stress, unverarbeitete Traumata oder Depressionen können körperliche Symptome erzeugen oder verstärken.
  • Veränderter Umgang mit Körpersignalen: Betroffene nehmen innere Körperprozesse intensiver oder bedrohlicher wahr als andere Menschen.
  • Lerngeschichte: Frühere Erfahrungen mit Krankheit, Schmerz oder dem Gesundheitssystem können die Wahrnehmung und Bewertung von Symptomen prägen.
  • Biologische Faktoren: Das Nervensystem und der Cortisolspiegel bei anhaltendem Stress spielen eine Rolle.
Körper und Seele sind untrennbar verbunden. Was die Seele nicht in Worte fassen kann, drückt der Körper oft auf seine eigene Weise aus.

Der Teufelskreis aus Angst und Körperfokus

Ein zentrales Merkmal somatoformer Störungen ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Eine körperliche Empfindung wird als bedrohlich bewertet. Die entstehende Angst führt zu Anspannung und erhöhter Aufmerksamkeit auf den Körper. Das wiederum verstärkt die Wahrnehmung von Beschwerden und nährt neue Sorgen. Dazu kommt häufig Schonverhalten: Betroffene schränken Aktivitäten ein, meiden Anstrengung und suchen immer wieder medizinische Abklärung, was kurzfristig Erleichterung bringt, das Vermeidungsverhalten aber langfristig festigt.

Dieser Kreislauf ähnelt dem bei Angststörungen. Tatsächlich treten Angststörungen und Depressionen häufig gleichzeitig mit einer somatoformen Störung auf.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Die Diagnostik einer somatoformen Störung erfolgt in mehreren Schritten:

  • Organische Abklärung: Zunächst werden körperliche Ursachen sorgfältig ausgeschlossen. Dieser Schritt ist wichtig, und er sollte nicht endlos wiederholt werden.
  • Biopsychosoziale Gesamtschau: Ein Facharzt für Psychiatrie, Psychosomatik oder Psychotherapie erfasst die gesamte Lebensgeschichte, psychische Belastungen und den Zusammenhang zwischen Stress und körperlichen Beschwerden.
  • Diagnostische Kriterien: Laut ICD-10 müssen die Beschwerden seit mindestens sechs Monaten bestehen und zu deutlicher Beeinträchtigung führen. Im ICD-11 wurde der Begriff zur „körperbezogenen Belastungsstörung" weiterentwickelt.

Wichtig ist, dass die Diagnose positiv gestellt wird, also durch das Erkennen eines charakteristischen Beschwerdemusters, und nicht nur als „Ausschlussdiagnose". Ein einfühlsames Gespräch, das körperliche und seelische Aspekte gleichwertig ernst nimmt, ist dabei unerlässlich.

Wie wird eine somatoforme Störung behandelt?

Somatoforme Störungen sprechen gut auf einen integrativen, psychosomatischen Ansatz an, der Körper und Psyche gemeinsam berücksichtigt:

  • Psychotherapie: Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) hat die stärkste Evidenz. Sie hilft, den Teufelskreis aus Körperwahrnehmung, Angst und Schonverhalten zu verstehen und zu durchbrechen. Auch tiefenpsychologische und achtsamkeitsbasierte Ansätze wie MBSR werden eingesetzt.
  • Körperbezogene Therapien: Entspannungsverfahren, Physiotherapie und Bewegungstherapie helfen, wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln.
  • Psychoedukation: Das Verstehen der Entstehungsmechanismen, also wie Stress den Körper beeinflusst, ist ein wichtiger erster Schritt und oft bereits entlastend.
  • Medikamentöse Unterstützung: Wenn begleitende Depressionen oder Angststörungen vorliegen, kann eine medikamentöse Behandlung sinnvoll sein.
Gut zu wissen

Ein psychosomatisches Behandlungssetting, das ärztliche, psychotherapeutische und körperbezogene Angebote verbindet, ist bei einer somatoformen Störung besonders wirkungsvoll. Die PRIVATKLINIK REGENA Bad Brückenau verbindet genau diese Ansätze in einem individuellen Gesamtkonzept.

Abgrenzung zu anderen Erkrankungen

Eine somatoforme Störung muss von anderen Erkrankungen abgegrenzt werden:

  • Hypochondrie (Krankheitsangststörung): Hier steht die intensive Angst, schwer erkrankt zu sein, im Vordergrund, während bei somatoformen Störungen die Beschwerden selbst das Hauptthema sind.
  • Burnout und chronische Erschöpfung: Überschneidungen sind häufig. Eine genaue Differenzierung hilft bei der Therapieplanung.
  • Long Covid: Körperliche Beschwerden nach Covid-19 können somatoformen Störungen ähneln. Die Abgrenzung ist klinisch wichtig und manchmal herausfordernd.
  • Organische Erkrankungen: Immer muss ausgeschlossen werden, dass körperliche Ursachen übersehen wurden.
Gruppenangebot bei somatoformen Störungen in der PRIVATKLINIK REGENA Bad Brückenau
Gruppenangebot in der PRIVATKLINIK REGENA Bad Brückenau

Psychosomatische Behandlung in der PRIVATKLINIK REGENA Bad Brückenau

In Bad Brückenau behandeln wir die somatoforme Störung in einem umfassenden Rahmen, mit einem integrativen Konzept, das Körper und Psyche gleichermaßen einschließt. Unser Team aus Fachärzten, Psychotherapeuten und Therapeuten verschiedener Disziplinen begleitet Sie einfühlsam auf dem Weg zur Besserung.

Abgrenzung der somatoformen Störung von verwandten Erkrankungen
Erkrankung Wesentliches Merkmal Abgrenzung zur somatoformen Störung
Hypochondrie (Krankheitsangststörung) Intensive Angst, schwer erkrankt zu sein Bei somatoformen Störungen stehen die Beschwerden selbst im Vordergrund, nicht die Krankheitsfurcht
Burnout / chronische Erschöpfung Erschöpfung, oft arbeits- oder stressbezogen Häufige Überschneidungen; genaue Differenzierung ist für die Therapieplanung entscheidend
Long Covid Körperliche Beschwerden nach Covid-19-Infektion Kann somatoformen Störungen ähneln; klinische Abgrenzung ist wichtig und manchmal herausfordernd
Organische Erkrankungen Körperliche Ursache nachweisbar Müssen durch gründliche Abklärung immer ausgeschlossen werden, bevor die Diagnose gestellt wird

Häufige Fragen zur somatoformen Störung

Sind somatoforme Beschwerden eingebildet?

Nein, keineswegs. Die Beschwerden sind real und werden von den Betroffenen tatsächlich erlebt. Sie entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel von körperlichen Prozessen, psychischem Stress und dem Nervensystem. Der Begriff „eingebildet" ist irreführend und stigmatisierend.

Wie wird eine somatoforme Störung diagnostiziert?

Die Diagnose erfordert zunächst eine gründliche körperliche Abklärung, um organische Ursachen auszuschließen. Bleiben die Beschwerden trotzdem bestehen und beeinträchtigen sie das Leben deutlich, kann ein Facharzt für Psychiatrie oder Psychosomatik die Diagnose stellen, orientiert an den Kriterien des ICD-10 (F45) oder ICD-11.

Welche Behandlung hilft bei somatoformen Störungen?

Eine Kombination aus Psychotherapie (insbesondere kognitiver Verhaltenstherapie) und körperbezogenen Ansätzen hat sich bewährt. Ziel ist es, den Teufelskreis aus körperlicher Wahrnehmung, Angst und Schonverhalten zu durchbrechen. In einem psychosomatischen Setting werden körperliche und seelische Aspekte gleichzeitig behandelt.

Was ist der Unterschied zur Hypochondrie?

Bei somatoformen Störungen stehen die körperlichen Beschwerden selbst im Vordergrund. Bei der Hypochondrie (Krankheitsangststörung) ist es vor allem die intensive Angst, ernsthaft krank zu sein, auch wenn keine starken Körpersymptome bestehen. Es gibt Überschneidungen, aber auch klare Unterschiede in Erleben und Behandlung.

Eine deutliche Verbesserung ist mit geeigneter Behandlung gut erreichbar. Viele Betroffene lernen, die Beschwerden besser zu verstehen, den Teufelskreis aus Angst und Körperfokus zu unterbrechen und die Lebensqualität spürbar zu verbessern. Eine vollständige Beschwerdefreiheit ist möglich, aber nicht in jedem Fall das primäre Ziel.

Verwandte Begriffe

Hinweis: Dieser Glossarbeitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine psychotherapeutische Praxis. Quellen: ICD-10/ICD-11 der WHO, S3-Leitlinie Funktionelle Körperbeschwerden. Stand: Juli 2026.

Selbsthilfe-Checkliste: Was Sie selbst tun können

Diese Maßnahmen können die professionelle Behandlung sinnvoll ergänzen. Haken Sie ab, was Sie bereits umsetzen.

Diese Checkliste ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Bei anhaltenden Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Fachpraxis oder Klinik.

Häufige Missverständnisse über somatoforme Störungen

Was stimmt, und was ist ein verbreitetes Vorurteil?

Mythos

Die Beschwerden sind eingebildet und existieren nur im Kopf der Betroffenen.

Fakt

Die Beschwerden sind real und neurobiologisch messbar. Sie entstehen durch ein verändert arbeitendes Nervensystem unter anhaltendem psychischem Stress, nicht durch Simulation oder mangelnde Willenskraft.

Quelle: S3-Leitlinie Funktionelle Körperbeschwerden (AWMF)
Mythos

Wenn keine körperliche Ursache gefunden wird, ist die Person psychisch instabil oder übertreibt.

Fakt

Somatoforme Störungen betreffen Menschen aller Persönlichkeitsstrukturen. Das Ausbleiben eines organischen Befunds bedeutet nicht das Fehlen einer Erkrankung, es bedeutet, dass die Ursache im Zusammenspiel von Psyche, Nervensystem und Körper liegt.

Quelle: ICD-10 F45, WHO 2024
Mythos

Mehr Arztbesuche und weitere Untersuchungen lösen das Problem am schnellsten.

Fakt

Wiederholte Untersuchungen ohne neuen klinischen Anlass (Doctor-Hopping) verstärken langfristig die Krankheitsüberzeugung und das Schonverhalten. Der wirksamere Weg ist eine gezielte psychosomatische Behandlung.

Quelle: DocCheck Flexikon; S3-Leitlinie Funktionelle Körperbeschwerden
Mythos

Somatoforme Störungen sind nicht behandelbar und werden immer chronisch.

Fakt

Mit einem integrativen Behandlungsansatz, insbesondere kognitiver Verhaltenstherapie (KVT), ist eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität gut erreichbar. Früh begonnene Therapie senkt das Risiko eines chronischen Verlaufs erheblich.

Quelle: S3-Leitlinie Funktionelle Körperbeschwerden (AWMF)